Monday, December 14, 2009

Andreas Trojan befragt Erhardt F. Heinold "zu einem Transformationsprozess in Verlagen"

der so nicht stattfindet. Und natürlich hat der geschätzte Kollege Erhardt F. Heinhold (HSP) auf die Frage von Andreas Trojan kluge Antworten. Deswegen kann ich mich hier auf ein paar anderslautende Aussagen beschränken, die auch gesagt und meiner Meinung nach von den Verantwortlichen internalisiert (zum Maßstab ihres Handelns gemacht) werden sollten.

Den Fachzeitschriften laufen seit geraumer Zeit die Anzeigenkunden davon. Was sind die Gründe dafür – eine unselige Mischung aus Wirtschaftskrise und Werbung im Onlinebereich?

Weder "unselig" noch eine "Mischung aus Wirtschaftskrise und Werbung im Onlinebereich". Die (Werbe-)kunden und deren Kunden sind schon längst weitergezogen und haben ein ganz anderes Informationsverhalten, effizientere Prozesse und zahlreiche Möglichkeiten Kunden zu erreichen und mit Kunden zu kommunizieren. Die Fachmedien haben ihre Rolle als wesentlicher Player im B2B Geschäft auf das Drucken und Liefern von Anzeigen in mehr oder weniger relevantem Umfeld von Redaktion reduziert. B2B Unternehmen aber kommunizieren heute auf vielfältige Weise mit ihren Kunden und investieren aus ihrem Marketingbudget gut das 20-fache was sie an Anzeigenplatzierungskosten für bzw. in Fachmedien ausgegeben wird. Fachmedien und Fachmediendienstleister strengen sich viel zu wenig an durch qualifizierte, den Bedürfnissen angepasste Dienstleistungen und Gütern den gewünschten Erfolg der Kunden zu mehren.

[EFH: ... Man muss komplexe Online-Angebote machen, es müssen für die Kunden Events veranstaltet werden, Serviceleistungen stehen ganz oben an]

Das hört sich nach alles nach Personalaufwand an. In der Krise hört das kein Verleger gern.

Nein, dass ist der gute Teil der Nachricht. Wenn solche Leistungen nur von (qualifizierten) Mitarbeitern erbracht werden können, bedeutet dies ja mehr qualifizierte, gute und sicher Arbeitsplätze und eine Berufung der Besten in die Dienste der Fachmedien- und Fachmedien-Service-Anbieter. Da würden sich dann auch wieder statt Freistellungsspezialisten, die Dienstleister und Spezialisten in den Chefetagen und Fachbereichen tummeln, die etwas vom Geschäft der Fachmedien und dem Geschäft der Kunden von Fachmedien verstehen und Wertestellungen bilden statt abbauen. Viel Anzeigenverkäufer, um ein Beispiel zu nennen, sind ja heute kaum noch in der Lage die eigenen Angebote zu verstehen und wohlwollenden Werbetreibenden und ihren Agenturen zu vermitteln, geschweige denn etwas nützliches zu den Marketing- und Werbeaufgaben der Kunden beizutragen, was über die eigenen Medien hinausgeht. Wie gesagt, nur ein Beispiel, wir könnten das hier mit Vertrieb, Redaktion, Mafo, usw. fortsetzen.   

Wie lange wird es Fachzeitschriften, die allein in Printform erscheinen, noch geben?

Wahrscheinlich gibt es die Print-only Fachzeitschrift noch ewig (in Internetzeiten ausgedrückt), jedenfalls wird es sie solange geben, wie sich die Macher abmühen mit der Fachzeitschrift einen Nutzen für den Leser- und Anzeigenkunden zu schaffen und die Werbetreibenden 'alten Schlages' und/oder die Abonnenten noch nicht ausgestorben sind. Konkret. Auch in den nächsten Jahren gibt es einen Markt für gedruckte Fachzeitschriften und wer dieses Genre beherrscht wird auch noch lange gutes Geld damit machen.

Es gibt aber einen wesentlich größeren Markt jenseits der gedruckten Fachzeitschrift und mit zahlreichen Spezialisierungsmöglichkeiten für Fachmedien und Fachmedien-Dienstleistern und um an dieser Wertschöpfung teilzuhaben, müssen sich Fachpublikationen in Inhalten, Format und Frequenz ganz radikal verändern. Statt Leitmedium zu sein, werden solchen Publikationen Bindemittel, Spezialpublikationen,  Boutique-Angebote und Ergänzung zu anderen real-time, Time-slice,  Datenbanken, Events, Services und Applikationen sein.
  
Wenn man Online-Plattformen so mancher Zeitschrift ansieht, so kann man nicht wirklich von einer interaktiven Spielwiese sprechen. Was wird hier falsch gemacht? Was kann man überhaupt erwarten?

Die Zeit ist schon etwas fortgeschritten, mit einer Spielwiese allein hinkt man der Realität hinterher. Die "Online-Plattform der Zeitschrift" wie in der Frage formuliert ist tot, oder jedenfalls sind deren Tage angezählt. Wir haben zu wenig "Spielwiesen" auf denen Neues ausprobiert, mit den Kunden getestet und weiterentwickelt wird. Doch noch viel kritischer ist, dass es dort zuwenig gibt was Kunden kaufen können, zu wenig Service und Servicepersonal gibt, die auf den Kunden zugehen, ihn beraten und Angebote machen und vermitteln, dass man sich für ihn und seine Bedürfnisse interessiert

Es gibt ja bereits Kooperationen, etwa DuMont und die "Frankfurter Rundschau", die Verbreitung von Content für mobile Lesegeräte planen. Was halten Sie davon?

Mobile Lesegeräte werden ganz sicher (bzw. sind schon) ein wesentlicher Baustein unseres Informations- und Kommunikations-Environment. Ob Kooperationen zwischen Verlagen in der Verbreitung von Content auf solchen Geräten eine tragende Rolle spielen können, bezweifle ich eher. Die Standards werden doch von anderen Anbietern vorangetragen und Verlage sollten eher, quasi als Format-Agnostiker, ihre Algorithmen und Inhalte auf jede vom Leser/Nutzer genutzte Plattform liefern und mit Services und Güterangeboten anreichern.

Klar, Kooperationen und strategische Allianzen sind immer überlegenswert und manchmal auch sinnvoll, sie müssen aber auf konkreten Nutzen hin angelegt sein und einigermaßen erfolgsversprechend sein.

Transformationsprozess? Es gibt keine Transformation - die digitale, mobile und real-time Welt ist disruptive. Fachmedien und Fachmediendienstleister müssen sich neu erfinden!

Das Interview mit den Orginalantworten von Erhardt F. Heinold zu den Fragen von Andreas Trojan gibt es hier auf boersenblatt.net

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