Sonntag, Juni 19, 2005

Wikitorial - Undenkbar in deutschen Redaktionsstuben?

Die Selbstzensur in meinem Kopf hatte die Nachricht - meines Namensvetters Andrés Martinez (wir sind aber weder verwandt noch verschwägert) - über LA-Times Wikitorials, bisher in meinem Blog verhindert. Wer will sich denn schon selbst schaden?

Dass ein Redakteur, vielleicht auch noch ein Chefredakteur, in deutschen "Redaktions-Amtsstuben" deutscher Zeitungen sich sein Editorial korrigieren, umschreiben, sprich "versauen" lässt - schlicht undenkbar ...

Auch die Kritik der Journalisten-Profis und Citizen-Journalismus-Evangelisten in den USA war nicht gerade wohlwollend und frei von Unverständnis, Warnungen und/oder Verdammung.

So schrieb zum Beispiel Steve Outing (Poynter):

What the Heck Is a 'Wikitorial':

... In my taxonomy article, I ranked wikis as the most extreme form of citizen journalism.
With wiki news, anyone has the ability to edit what others have written. You are the editor ... and you ... and you, too.

Wikis applied to editorials? I have my doubts about that one, but we'll see. I think the concept
can be successfully applied to factual information; the intelligence of the group serves to correct errors. But opinion? Won't we just see warring factions vying for their point of view to be included?

OK, we'll watch this with interest. If nothing else, it'll be fun to see the original staff-written
editorial alongside the wiki-edited version ...”

Die LATimes.com hat die Anwürfe (natürlich) aufgegriffen - was die Bereitschaft und die Verpflichtung der LA Times zu dialogischem Journalismus noch einmal unterstreicht:

"Plenty of skeptics are predicting embarrassment; like an arthritic old lady who takes to the dance floor, they say, the Los Angeles Times is more likely to break a hip than to be hip. We acknowledge that possibility."
Hier gibt es jetzt ein erstes Wikitorial 'Dreams About War and Retribution' und die Historie der Veränderungen (im Moment zeigt der Beitrag 6506 Änderungen an) im Wikitorial zu sehen.

Auch wenn es zahlreiche 'removed vadalism' Einträge gibt, zeigt die rege Beteiligung an, dass die alte Idee von Benjamin Harris (mit Publick Occurences, Both Foreign and Domestick) aus dem September 1690, dass man seine Zeitung mit persönlichen Kommentaren und eigenen Nachrichten versieht und dann weitergibt nicht an den Lesern und nicht am Verleger gescheitert ist, sondern an der fehlenden Lizenz.

Ich bin sehr gespannt, wie es bei der LA-Times weitergeht ... und welche (deutsche ?) Zeitungsredaktion wohl als nächstes etwas Mut zeigt und etwas Neues und Nützliches in Richtung Dialog Journalismus ausprobiert - inkl. der Bereitschaft Fehler zu machen und diese dann zu korrigieren.

Update 19 Juni 2005: (offline - zumindest vorübergehend)

Where is the Wikitorial?
Unfortunately, we have had to remove this feature, at least temporarily, because a few readers were flooding the site with inappropriate material.

Thanks and apologies to the thousands of people who logged on in the right spirit.


Daraus kann man lernen! (Und vielleicht vorher, ein paar mehr Leute Fragen, wie diese die Sicherheit einschätzen bzw. erhöhen würden.):

Nicht nur auf die Vernunft aller vertrauen! Es wird immer einige geben, die nach Lücken suchen, um Ansätze für mehr Dialog, für ein wenig 'Spass' und 'Ego-Befriedigung' zu zerstören. Wie schon bei den Citizen Publishing Aktivitäten des Venture County Star gesehen (Do and Don't) ohne klare Policy und strikte Durchsetzung geht es nicht.

Addition:
Beitrag von Amy Gahran on Poynter (20. Juni 2005)
"Didn't Times Web and editorial staff see this problem coming?"