Sonntag, Januar 10, 2010

eBooks und digitale Lesegeräte werden es auch 2010 in Deutschland schwer haben

so der Einstieg zu einem Beitrag über eBooks von Frederik Birghan auf ibusiness.de vom 30.12.2009.

Quelle: zitiert aus SZV-E-Mail-Rundbrief 1/2010

"Verlagsexperte Hugo E. Martin verweist auf die exzellenten Zahlen, die das traditionelle Buchgeschäft in diesem Jahr erwirtschaftet hat: Laut GfK gab es 2009 ein dickes Plus. Dieses erfolgreiche Erlösmodell zu kannibalisieren, besteht auch für 2010 wenig Neigung in der Branche."

"An Lesegeräten mangelt es nicht. Das Problem allein an Lesegeräten festzumachen, scheint ohnehin wenig zielführend. Zu Recht weist Hugo E. Martin darauf hin, dass zu dieser Gattung nicht allein die weltweit etwa zwei Millionen E-Reader zu zählen sind, sondern ebenso die 1,3 Milliarden PCs und eine Milliarde Mobilfunkgeräte. Für Apples iPhone etwa gibt es seit kurzem eine App, mit der sich auch E-Books im Amazon-Format betrachten lassen. Weitere Geräte wie Multimedia-Tablets kommen auf den Markt oder stehen vor der Markteinführung."


Zugegeben, wenn man wenig Zeit hat, schreibt man gerne viel, gibt sich auch wenig Mühe die Aussagen zu verdichten - insbesondere dann, wenn man nach dem "VG-Tarif" bezahlt wird - deshalb hier in Langform mein Input:

Welche Faktoren könnten Verlage dazu animieren, ihren Fokus stärker auf eBooks und die digitale Distribution zu richten?

Wenn das so einfach wäre, dann müsste ich mir ja einen anderen Job suchen. Die erste Verzweigung unter den Verlagen und ihren Managern ist die Frage, will ich einfach (solange) weitermachen, solange sich das traditionelle Buchgeschäft lohnt oder will ich mich mit und den Folgen der Digitalisierung und der daraus entstehenden technologische Umwälzungen auseinandersetzen und gegebenenfalls darauf ein neues, angepasstes Geschäftsmodell aufsetzen.

Dem "Willigen" könnte dann helfen, dass ein signifikanter Teil der Kundschaft diese Technologie bereits für sich erschlossen hat und/oder dabei ist diese in unterschiedlichem Tempo für sich zu adaptieren.

Wenn Verlage ihre Kunden allein in der Zielgruppe der 13,5 Mio. 50plus Menschen ausmachen, die ihre Bücher am liebsten in kleineren Buchhandlungen einkaufen, die persönliche Beratung und Empfehlungen schätzen sowie ein Vertrauensverhältnis zum Buchhändler aufbauen (GfK/Sinus) sieht das anders aus als bei denen, die vorwiegend an die lesewütigen, gebildeten jungen Damen zwischen 14 und 19 Jahren verkaufen wollen (JIM 2009).

In beiden Fällen können sie sich die Frage nach den Absatzchancen von eBook-Reader und Tablets sparen, damit werden die jungen Damen nicht in den Pausenhöfen der Schulen oder an ihren Treffpunkten mit einem Handy, plus eReader oder iTablet herumlaufen und die "Alten" werden nicht zum Kaffee in die kleine Buchhandlung am Ort kommen um sich ein eBook auf ihrem eBook-Reader installieren zu lassen.

Doch zurück zur ihrer Frage:
Welche Faktoren könnten Verlage dazu animieren, ihren Fokus stärker auf eBooks und die digitale Distribution zu richten?

1. Wenn der Buchumsatz wieder sinkt (statt, wie in diesem Jahr steigt)
2. Die Kunden, die digitale Formate einfordern
3. Die Autoren auf digitalen Ausgaben bestehen (oder selbst publizieren)
4. Die Ertragssituation, wenn sich Verlage Papier, Herstellung und die jetzige Absatzorganisation, Abläufe und Margen nicht mehr leisten können (und dies auch erkennen)
5. Die Überzeugungskraft der großen Zahl von digitalen Lesegeräte
(weltweit 1,3 Mrd. PCs, 1 Mrd. Mobile Phones, etwas 2 Mio. eBook-Reader)
6. Der Zusammenbruch des Systems des vertreibenden Buchhandels
7. Die Aufhebung der Buchpreisbindung
8. Die Anpassung des Urheberrechts und urheberrechtsnaher Gesetze an die technische und gesellschaftliche Entwicklung

Background / Splitter
Vielleicht erst einmal, warum die Fokussierung auf eBooks und damit der digitale Vertrieb für Verlage nicht gar soviel Sinn macht:

Nach den GFK Zahlen lief der Buchverkauf in Deutschland in diesem Jahr im Plus. Auf die Buchpreisbindung und den eingespielten Vertriebskanälen haben sich die Verlage eingestellt und nehmen die Probleme mit Konditionsforderungen, Retouren, … in Kauf. Das Festhalten an den Strukturen fällt um so leichter, weil direkte Beziehungen zwischen Verlag und Leser/Buchkäufern eher die Ausnahme sind.

Welcher Zeitrahmen bleibt ihnen noch für eine vernünftige Marktpräsenz? Oder bleiben E-Reader und Multimedia-Tablets auf absehbare Zeit ein Gadget für englischsprachige Early-User hierzulande?

Dass wir hier in Deutschland nicht nur absolute sondern auch prozentual eine wesentlich geringere Anzahl an sog “Early Adapters” haben, ist ja nicht neu und natürlich nutzen und kaufen wir auch gehypte / Trend-Gadgets, wenn wird diese mit Vernunftgründen Dritten erklären können oder dies von Dritten gefordert wird.

Wenn es keine überzeugende und bereits Auswahl von Titeln gibt, läuft der Verkauf von eReadern / iTablets usw. Nur schleppend – ich denke es wird auch mittelfristig (und schon gar nicht langfristig) zu einem Renner.

Wenn die Preisstrategie, die Kalkulation und die Argumentation, sich nicht mit dem Käufer auseinandersetzt sondern auf den heutigen / vergangenen Kalkulationsvorgaben eines klassischen Verlags aufsetzt wird das nichts.

Wenn Verlage meinen, mit einer Hardcover- und einer Paperpack-Ausgabe schon das maximale getan zu haben, dann werde die Bestseller-Autoren und Ausgaben (vielleicht bleiben) und der Rest muss sehen, wie er publiziert und mit den Buchlesern kommuniziert (und liefert. Dies ist aber, digital, mobile und in bestehenden Netzwerken nicht so schwierig.

Zurück zur ihrer Frage:
Welcher Zeitrahmen bleibt ihnen noch für eine vernünftige Marktpräsenz? Oder bleiben E-Reader und Multimedia-Tablets auf absehbare Zeit ein Gadget für englischsprachige Early-User hierzulande?

1. Ich denke nicht, dass es einen Zeitrahmen gibt zu dem das Geschäft noch bzw. nicht mehr zu retten ist – es kommt sehr auf die Kundschaft (Autoren+Leser), das Programm, die Zielsetzung
2. Wie schon gesagt, ich sehe den Markt für eBooks zig, hundert Mal größer als die Bezugsgröße eBook-Reader – entscheidend wird sein, dass Verlage die vorhandenen Gerätschaften beim Kunden bedienen können und zu Preisen, welche den Kunden „vernünftig“ erscheinen
3. Ohne breites Angebot zu attraktiven Preisen, wird die Verbreitung solcher Gadgets hier noch einmal deutlich geringer sein als im Ausland.

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