Donnerstag, März 04, 2010

LfM-NRW: Expertise zu 'Internet-Devianz' und dem Begriff 'Raubkopierer' (aus 2009)

Wer hat eigentlich den Begriff "Raubkopie, Raubkopierer" in die Welt gesetzt und warum wird dieser Begriff so unreflektiert für alle Verstöße im Dunstkreis des Urheberrechts und verwandter Rechte benutzt?

[Raub = die gewaltsame Wegnahme fremder Sachen]

auf Twitter & Facebook in die Runde gefragt, weil ich mich mal wieder geärgert habe, wie kritiklos gezielt gesetzte Begrifflichkeiten Einzug in den Sprachgebrauch übernommen werden und dann auch nie wieder hinterfragt werden.

In seinem Kommentar auf Facebook hat Matthias Spielkamp @spielkamp einen Beitrag auf dem Immateriblog verlinkt, der im April 2009, genau dieses, auf der Basis einer LfM NRW Expertise behandelte:

Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen: Expertise zu “Internet-Devianz”
“Deviantes” Verhalten ist eines, das von einer Norm abweicht. Wer diese Norm setzt, wie Devianz zugeschrieben wird, ist ein interessanter Vorgang, der von vielen Faktoren, Machtverhältnissen, Akteuren abhängt. Die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen hat eine Expertise zu “Internet-Devianz” (PDF) erstellen lassen, die sich unter anderem mit der Frage beschäftigt, wie “Raubkopierer” erschaffen wurden – ein Begriff, der in keinem Gesetz auftaucht -, und welche Folgen das hat:

Zusammengefasst heißt dies, dass die öffentlichkeitswirksame Kampagne das Ziel der „Kriminalisierung“ von so genannten „Raubkopierern“ verfolgt und wohl auch erreicht hat. Eine differenzierte Debatte über Fragen des Urheberrechts, der Verwerterinteressen und über den freien Zugang hat ihren Weg in die Öffentlichkeit nicht im gleichen Maße gefunden. Kritiker der Gesetzesnovelle bemängeln, dass die Rechte des Verbrauchers und nichtprofitorientierter Einrichtungen zugunsten von wirtschaftlichen Interessen eingeschränkt wurden. Verstöße gegen Verbote und Gebote werden ab Januar 2008 als gesetzeswidrig und auch als deviant sanktioniert. Übrig bleibt die Grauzone derer, deren Rechte nicht abgeschafft, aber auch nicht explizit im Gesetz verankert wurden. Ein deviantes Verhalten ist hier – auch ungewollt – schnell möglich.

Später im Beitrag zitiert Matthias dann Franz Schmidbauer (www.Internet4Jurists.at) mit
“Auch der Begriff “Raubkopie” ist eine Erfindung der Musikindustrie mit dem Ziel, ein allfälliges Vergehen der untersten strafrechtlichen Deliktsebene (wenn überhaupt) auf die Ebene eines Kapitalverbrechens (Raub) zu hieven. Ich weigere mich daher, im Zusammenhang mit unerlaubten Vervielfältigungen von “Raubkopien” zu sprechen und fordere auch alle seriösen Juristen auf, sich nicht von der psychologischen Kriegsführung der Musikindustrie vereinnahmen zu lassen. Diese Methode, den Stellenwert eines Deliktes unter Umgehung des Gesetzgebers zu ändern, ist in einer demokratischen Gesellschaft nicht tolerierbar. Das ständige massive Lobbying eines Industriezweiges beim EU-Gesetzgeber ist ohnedies schon schlimm genug.”

via / mehr auf Immateriblog.de [sorry, für das umfängliche Zitat]

Ich plädiere dafür, dass all Menschen Guten Willens, dieses Unwort nicht mehr gebrauchen, das - jedenfalls verbal - 80+ % der jungen Leute und immensen Anteil der Gesamtbevölkerung zu Straf-/Gewalttätern abstempelt. Deutschland einig Räuberland!

P.S.
Danke auch an alle anderen RT, DM und Kommentaroren!