Montag, August 20, 2012

Anrufe gegen Gegenwart und Zukunft

Letzte Ergänzung / Änderung: 19-September-2014

Über die schreckliche, unmoralische und faule Jugend ...

Allzuleicht vergessen wir, dass wir diese schreckliche, unmoralische Jugend von gestern (oder vorgestern waren). Und das Wehklagen über das Verhalten der Jugend und die Verdorbenheit der jungen Generation hat Tradition und sind wohl so alt wie die Menschheit, wie diese Fundstücke nahe legen:

"Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe." 
(Keilschrifttext aus Ur, Chaldäa, um 2000 vor Christus)

"Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen unsere Kultur zu erhalten."
(Keilschrifttext, babylonische Tontafel, um 1000 vor Christus)

"Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer."
(wird oft Sokrates, einem griechischem Philosopen, 449 - 399 vor Christus zugeschrieben, aber dafür gibt es keinen Nachweis)

"Der Lehrer fürchtet und hätschelt seine Schüler, die Schüler fahren den Lehrern über die Nase und so auch ihren Erziehern. Und überhaupt spielen die jungen Leute die Rolle der alten und wetteifern mit ihnen in Wort und Tat, während Männer mit grauen Köpfen sich in die Gesellschaft der jungen Burschen herbeilassen.“
(Sokrates, griechischer Philosoph, 449 - 399 vor Christus

"...die Schüler achten Lehrer und Erzieher gering. Überhaupt, die Jüngeren stellen sich den Älteren gleich und treten gegen sie auf, in Wort und Tat."
(Platon, griechischer Philosoph, 427 - 347 vor Christus)

"Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen."

"Wenn ich die junge Generation anschaue, verzweifle ich an der Zukunft der Zivilisation."

(Aristoteles, griechischer Philosoph, 384-322 vor Christus)
"... auf ihrem Höhepunkt kennt die Jugend nur die Verschwendung, ist leidenschaftlich dem Tanze ergeben und bedarf somit wirklich eines Zügels. Wer nicht dieses Alter nachdrücklich unter seiner Aufsicht hält, gibt unmerklich der Torheit die beste Gelegenheit zu bösen Streichen... Unmäßigkeit im Essen, sich vergreifen am Geld des Vaters, Würfelspiel, Schmausereien, Saufgelage, Liebeshändel mit jungen Mädchen, Schändung verheirateter Frauen."
(Plutarch, ein griechischer Schriftsteller,  ca 45 - 125 nach Christus)

Aber auch:
"Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedene Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, daß sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können."
(Kurt Tucholski, deutscher Journalist und Schriftsteller, in Der Mensch, 1890 - 1935)

... mehr Fundstücke und Zitate? Zum Beispiel bei Guido Stepken auf little-idiot.de (PDF).


Über die Verwerflichkeit der Straßenbeleuchtung

Das folgende Zitat kenne ich schon seit Mitte der 60er Jahre. Der damalige CDR der Fachzeitschrift Elektromarkts oder Elektrotechnik hat mir das seinerzeit im Umlauf zukommen lassen (als junger Anzeigenwerber ebenda).


Link zur Quelle: Spica o.J.


Über die gesundheitlichen Gefahren der teuflisch schnellen, dampfgetriebenen Eisenbahnen für Mensch und Tier


Königlich Bayrische Expertengutachten aus dem Jahr 1835
"Ortsveränderungen mittels irgend einer Art von Dampfmaschine sollten im Interesse der öffentlichen Gesundheit verboten sein. Die raschen Bewegungen können nicht verfehlen, bei den Passagieren die geistige Unruhe, 'delirium furiosum' genannt, hervorzurufen. Selbst zugegeben, daß Reisende sich freiwillig der Gefahr aussetzen, muß der Staat wenigstens die Zuschauer beschützen, denn der Anblick einer Lokomotive, die in voller Schnelligkeit [a.d.V. 20 - 30 km in der Stunde] dahinrast, genügt, um diese schreckliche Krankheit zu erzeugen..."
(Vielfach zitiert, Herkunft umstritten, vielleicht aus dem Französischem)

Daneben gab es auch noch "Krankheiten" wie "Eisenbahnrücken", "Eisenbahngehirn", "Paralyse des nervus facialis", u.v.a.m.

Quelle: Bernward Joerges
Ein früher Fall von Technology Assessment oder die verlorene Expertise (Auszug, PDF)


"Auch wurde behauptet, daß durch die vergiftete Luft, aus der die Vögel tot herabfallen würden, Kühe ihre Milch verlieren würde, die Pferdezucht verkommen würde, das Getreide und Viehfutter schädliche Beimischungen erhalten und Hasen, Rehe, Hühner, Fasanen und Füchse durch Verscheuen und Aussterben und Verscheuchen unheilbar geschädigt werden ..."

Quelle: Esther Fischer-Homberger
Die Büchse der Pandora: Der mythische Hintergrund der Eisenbahnkrankheiten des 19. Jahrhunderts (PDF)


Über die Lesesucht

„Lesesucht, die Sucht, d.h. die unmäßige, ungeregelte auf Kosten anderer nöthiger Beschäftigungen befriedigte Begierde zu lesen, sich durch Bücherlesen zu vergnügen.“
(Joachim Heinrich Campe, Schriftsteller u. Verleger, 1746 - 1818)

"die „erzwungene Lage und der Mangel aller körperlichen Bewegung beym Lesen, in Verbindung mit der so gewaltsamen Abwechslung von Vorstellungen und Empfindungen […] Schlaffheit, Verschleimung, Blähungen und Verstopfung in den Eingeweiden, mit einem Worte Hypochondrie, die bekanntermaaßen bey beyden, namentlich bey dem weiblichen Geschlecht, recht eigentlich auf die Geschlechtstheile wirkt, Stockungen und Verderbnis im Bluthe, reitzende Schärfen und Abspannung im Nervensysteme, Siechheit und Weichlichkeit im ganzen Körper“ erzeuge.

Das Lesen, das einmal als Seltenheit galt, betreibt nun jeder, auch die Schichten, die nicht dazu bestimmt seien. Durch das Lesen verliert man die Kontrolle über seine Geschlechtstriebe.
(Karl G. Bauer, Pädagoge in "Über die Mittel dem Geschlechtstrieb eine unschädliche Richtung zu geben" (1787))

„So lange die Welt stehet, sind keine Erscheinungen so merkwürdig gewesen als in Deutschland die Romanleserey, und in Frankreich die Revolution. Diese zwey Extreme sind ziemlich zugleich mit einander großgewachsen, und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass die Romane wohl eben so viel im Geheimen Menschen und Familien unglücklich gemacht haben, als es die so schreckbare französische Revolution öffentlich thut.“
(Johann Georg Heinzmann, Schriftsteller, 1757 - 1802 - in Apell an meine Nation über die Pest der deutschen Literatur, 1795)

„Ein Buch lesen, um bloß die Zeit zu tödten, ist Hochverrath an der Menschheit, weil man ein Mittel erniedrigt, das zur Erreichung höherer Zwecke bestimmt ist.“
(Johann Adam Bergk, Philosoph, 1769 – 1834 - Die Kunst, Bücher zu lesen, 1798)

Im Diskurs vom "richtige" Gebrauch der Zeit und der eigenen Energie zählt Salzmann Onanie - der Onanist ist der Mörder seinen eignen Leibes - und Lesesucht zu den besonders verwerflichen heimlichen Sünden der Jugend."
(Christian Gotthilf Salzmann, Pfarrer, Pädagogen und Schriftsteller, 1744 – 1811)

Mehr zur Lesesucht auf Wikipedia


Über die Gefahren von gedruckten Zeitungen und Zeitschriften

"... als Nachteile werden hauptsächlich die Beförderung von Oberflächlichkeit und der mögliche Misbrauch ihres Einflusses zur Irreleitung der Meinung, sowie der Schaden angeführt, welche manche durch ihren geschmacklosen, unsittlichen, groben Ton anrichten ..." mehr
(Brockhaus, 1841)

eBooks und eReader

Sokrates Annahme, dass das geschriebene Wort der Feind der Erinnerung sei, war falsch. Und so werden wohl die meisten der erschrockenen, warnenden, verdammenden eReader / eBooks Studien dereinst in der Rubrik 'Anrufe gegen Gegenwart und Zukunft' ihr Un-Sinn bewahren. (HT BoSack)

PHAIDROS. (De pulchro)

SOKRATES:
... Als er aber an den Buchstaben war, [E] sagte Theuth: "Diese Kenntnis, o König, wird die Ägypter weiser und erinnerungsfähiger machen, denn als ein Hilfsmittel für das Gedächtnis sowohl als für die Weisheit ist sie erfunden." Thamus aber erwiderte: "O du sehr kunstreicher Theuth! Einer ist der, der das, was zur Kunst gehört, hervorzubringen, ein anderer aber der, der zu beurteilen vermag, in welchem Verhältnis sie Schaden und Nutzen denen bringe, die sie gebrauchen werden. So hast auch du jetzt, als Vater der Buchstaben, aus Vaterliebe das Gegenteil von dem gesagt, was ihre Wirkung ist. Denn Vergessenheit wird dieses in den Seelen derer, die sie kennenlernen, herbeiführen durch Vernachlässigung des Gedächtnisses, sofern sie nun im Vertrauen auf die Schrift von außen her mittelst fremder Zeichen, nicht von innen her aus sich selbst, das Erinnern schöpfen. Nicht also für das Gedächtnis, sondern für seinen Anschein hast du ein Hilfsmittel erfunden. Von der Weisheit aber bietest du den Schülern nur Schein, nicht Wahrheit dar. Denn die viel lesen, sind nun ohne Belehrung, und so werden sie Vielwisser zu sein meinen, da sie doch größtenteils Nichtswisser sind und Leute, mit denen schwer umzugehen ist, indem sie Dünkelweise geworden sind, nicht Weise."

Zitiert nach Ludwig Georgii (1853)

PHAIDROS:
O Sokrates, leicht erdichtest du ägyptische und dir beliebig wo immer heimische Reden!

Link zur Quelle: opera-platonis.de/Phaidros


Film und Fernsehen

Nach dem vergeblichen geführten Kampf gegen die Lesesucht ... ist Lesen jetzt positiv besetzt, gilt nun als aktiv und den Geist anregend - im Gegensatz zum Film, der rege die Phantasie an einmal zu sehr, ein andermal aber zerstöre er sie.

"So wurde zum Beispiel dem Kino zunächst vorgeworfen, es rege die Phantasie zu sehr an; später hieß es, dass es diese zerstöre.[24] Als sich das Fernsehen in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts allmählich in allen Gesellschaftsschichten ausbreitete, bildete sich beim Bildungsbürgertum eine verstärkte Abneigung gegen dieses Medium: Fernsehen führe zu Passivität und Realitätsverlust, das Lesen dagegen sei aktiv und rege den Geist an.[23][25] Die Angst vor Abstumpfung der Kinder und Jugendlichen, Verrohung, Aggressionssteigerung, Trägheit und Realitätsverlust standen dabei besonders im Vordergrund.[26] "

"Augenscheinlich sind dies sehr ähnliche Argumente zu denen der Kritiker der Lesesucht im 18. Jahrhundert. Nach Spode erzeuge „jede grundlegende technische Veränderung in der Produktion von Fiktionalität […] – sobald ihre soziale Verbreitung beobachtet wird – Abwehrreaktionen bei den Besitzern des nun von Entwertung bedrohten kulturellen Kapitals.“[27]"

[24]  Hasso Spode: Fernseh-Sucht. Ein Beitrag zur Geschichte der Medienkritik. In: Distanzierte Verstrickungen. Die ambivalente Bindung soziologisch Forschender an ihren Gegenstand. Festschrift für Peter Gleichmann zum 65. Geburtstag. Edition Sigma, Berlin 1997, ISBN 3-89404-433-0, S. 310.
[25]  Hasso Spode: Fernseh-Sucht. 1997, S. 297.
[26]  Henning Wrage: Jene Fabrik der Bücher. 2010, S. 12–13.
[27] a, b Hasso Spode: Fernseh-Sucht. 1997, S. 310.



Zeitungen: Die Verwendung von Farbe verringert den Lerneffekt

"Schon ältere Studien zeigen, daß der Lerneffekt bei farbigen Material geringer ist, die Information mehr Zeit braucht. Wie neuer Laborexperimente bestätigt haben, kann das Farbfernsehen offenbar leicht eine Farbsättigung hervorrufen. Es wird damit das Verlangen nach der schwarz-weißen Zeitung eher begünstigen..."                             (Elisabeth Noelle-Neumann)

Zitiert aus Zeitungslehre II,  Redaktion, die Sparten Verlag und Vertrieb, Wirtschaft und Technik Autoren: Emil Dovifat, Jürgen Wilke, 1976
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann (Hrsg.): Farbfernsehen und Zeitung Ein Forschungsprojekt der Stiftervereinigung der Presse e. V. (Journalismus Beiheft 3), Düsseldorf 1968


Der Tonfilm ist wirtschaftlicher und geistiger Mord!

Verdirbt Gehör und Augen, wirkt nervenzerrüttend ... mehr


Erste Notizen, Bruchstücke ... Wer mag beim (Weiter-)Sammeln helfen?

Über die digitale Demenz ... 978-3426276037


Nachtrag und Diskussion zum 'Bestseller'
Über Spitzner's Demenz - by Martin Lindner


Das weiss auch der Chefredakteur Wolfgang Blau (Chefredakteur zeit.de)