Montag, Oktober 19, 2015

Notizen zur Frankfurter Buchmesse in 1962 und den folgenden 52 Jahren

Mit folgendem Hinweis habe ich meine Facebook Freunde zu Messebeginn informiert, dass ich in 2015 die Frankfurter Buchmesse ausfallen lassen (muss).


Robert Basic kommentierte den Eintrag  mit:

du warst 53x in Folge auf der Messe? Meine Güte, was ne lange Zeitreihe. Hat sich in der Zeit auf der Messe fundamental etwas geändert in Deinen Augen?

Christian Spanik steuerte sein Beobachtungen bei:

Also ich habe jetzt die Nummer 30 deutlich hinter mir und finde: es hat sich zwar sehr langsam aber doch sehr nachhaltig fundamentales getan Von der "Straße der Elektronik" (80iger) zur Multimedia Halle (90iger) bis hin zur wilden Mischung und Streuung der digitalen Inhalte über die ganze Messe (ab 2000). Und das steht nicht nur für die Messe, sondern auch dafür was Digitalisierung mit Branchen macht. Bin heute zu dem Thema auch auf der Messe unterwegs - weil hie und da dürfen ja auch die Digisaurier noch ein bißchen mitspielen, gell Hugo

Und hier ist Christian Spaniks Liveblog: Buchmesse 2015 | Intelligente Welt

Ein wenig verspätet, habe ich heute - wie immer ganz subjektiv - ein paar Anmerkungen aufgeschrieben, die mir Bemerkenswert sind. 53 Jahr sind eine lange, sehr lange Zeit. Die Zeiten haben sich geändert und natürlich auch die Messe, die Aussteller, Besucher sowie Kultur- und Unterhaltungsangebot und Nutzung. Ich und meine Interessen, Rollen und Aufgaben.

Robert, ich will hie
r jetzt keinen Roman schreiben, deshalb nur ein paar Stichworte

Die erste Frankfurter Buchmesse wurde am 18. September 1949 eröffnet, sie war eine nationale Veranstaltung westdeutscher Buchhandlungen, mit 205 Ausstellern und rund 14.000 Messebesuchern. Aber bereits 1950 war das Ausland mit 100 Ausstellern vertreten... [das ist aus meinem Berichtsheft, Anfang der 60er]

In 1962 war die (inzwischen 14) Frankfurter Buchmesse der Austausch-, Begegnungs- und Handelsplatz, quasi ohne Alternativen und ist das für viele Jahre geblieben. War inzwischen auf rd. 2000 Aussteller aus rd. 50 Ländern und über 95.000 Besucher angewachsen. Alles war - jedenfalls fühlte sich das für mich so an (bis 1966) sehr familiär, die große Buchfamilie und im wesentlich physisch Bücher (oder Attrappen) sowie der Geruch von Papier, Druckerfarbe und Leim. Anders als heute waren auf den Messeständen und den Gängen die Verleger selbst auf der Messe sichtbar (nicht abgeschirmt), ansprechbar, pro-aktiv und haben selbst Autoren, Buchhändler und Buchleser betreut und angesprochen.

Für mich war das Ganze nahe am Paradiese und so bin ich in den ersten Jahren aus Würzburg immer gleich zweimal angereist, einen Tag auf Geschäftskosten und einen Tag auf eigene Kosten. In diesen Jahren starte die Buchmesse ihr Angebot für Agenten und Scouts und große und kleine Verlage nutzen die Gelegenheit erste Kontakte mit Verlegern aus dem Ausland / Übersee zu knüpfen und/oder zu vertiefen (u.a. in 1962 der Springer Verlag mit Prentice Hall, Academy Press, Interscience). Kooperations- und Lizenzpartner zu finden. Für mich als Besucher war besonders interessant, dass man als (Fach-)Besucher für Bestellungen auf der Messe einen Messerabatt und als Verlagskollege zusätzlich einen attraktiven Kollegenrabatt einstreichen konnte.

Mit dem großen Erfolg der Veranstaltung und der deutschen Buchbranche insgesamt entwickelte sich die Buchmesse immer mehr in Richtung Kommerz und innerhalb und außerhalb der Branche wurde die Vernachlässigung der kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutung des Bildungs- und Kulturguts Buch reklamiert und kritisiert. Für mich als Provinzler (ich wohnte damals in Würzburg) waren dann ab 1967 die gesellschaftlichen und studentischen Demonstrationen und Proteste vor und auf dem Gelände der Messe ein weiterer Höhepunkt meiner Messebesuche. In den Messehallen hat man anfänglich versucht diese Proteste zu ignorieren, dann die Polizei gebeten diese "Störungen des Geschäfts" zu unterbinden (die sog. Polizeimesse in 1968 in der dann auch das Publikum zeitweise ausgeschlossen wurde) - was dann in den Folgejahren von den Aktivisten und Demonstranten als Einladung interpretiert wurde, ihren Protest direkt in die Messehallen und an die Stände zu tragen. Die Kommerzialisierung war auch der Grund für die von "Klein"-verlegern 1969 gegründete Gegenbuchmesse.

Mit dem Start der Zeitschrift CHIP in 1978, CHIP Bücher, CHIP Special für die wir damals ordentlich Werbung gemacht habe (u.a. in der FAZ, SZ, Spiegel und Playboy) haben wir dann einen Teil des Stands des Vogel Fachbuch-Verlags erobert und unsere Produkte präsentiert, nach internationalen Lizenzgebern (insb. USA), Autoren und Lizenznehmern Ausschau gehalten. In diesen Jahren 1978 - 1983 war ich dann während der ganzen Messe in Frankfurt und habe mein Interesse an Literatur und meine Aufgaben als Verlagsleiter CHIP abgearbeitet.

Auf die vornehme Zurückhaltung des Messeausschusses und der Messe was elektronische, was digitale Inhalte angeht hat Christian (siehe oben) schon hingewiesen, "Straße der Elektronik" (80iger) zur Multimedia Halle (90iger)" und wer solche Produkte am Bildschirm präsentieren wurde schon bald gedrängt, dafür doch bitte diese Ausstellungsangebote (zusätzlich) zu buchen. Obwohl man Digitales ab 2000 überall in den Messehallen zeigen durfte ist die Buchmesse im wesentlichen eine Papierbuchmesse geblieben und es gibt starke Kräfte, die das möglichst lange so halten wollen. Ich frage mich (und meine Kunden) warum sie jedes Jahr Hunderttausende Papierbücher in die Messehallen schleppen, statt die Inhalte (jedenfalls einen wesentlichen Teil davon) digital zu präsentieren, Buchhändler Leseexemplare "mitzugeben" Bestellungen anzunehmen und über Nahfeld-Kommunikation Leseproben anzubieten, Buchkäufer und Leser kennenzulernen (warum nicht auch verkaufen).

Schon lang ist die Buchmesse (für mich und) viele die was mit Bücher machen, nicht mehr alternativlos.

Man braucht nicht mehr auf die Buchmesse zu gehen

- um Literatur, um Autoren zu entdecken
- um Literatur bekannt zu machen
- um Lizenzen zu kaufen oder zu verkaufen (die heiße Ware wird eh vorher gedealt)
- in den Medien und vor Ort (jedenfalls in einer größeren Stadt) kann man bequem Autorenlesungen, Buchkritiken und Diskussionen verfolgen
- virtuelle, dauer-, ereignis- und interessengesteuerte Ausstellungen sind für die Branche und die Buchkäufer und Leser unkompliziert und kostengünstig im Zugriff

Und in meiner Eigenschaft als Marketer füge ich mal an. Wenn man dieser Tage durch die Messehallen marschiert, gibt es viel zu viele Verlagsgruppen die Dutzende von Verlagsmarken auf ihre Displaywände schreiben, hoffentlich wissen oder wenigstens ahnen, dass die DNA der Verlagsmarken welche sie da Mitschleppen längst zerfallen ist und die Masse der Buchkäufer einen Kehricht interessieren und der Buchhandel lieber einer starken Marke vertraut, als eine verwässerte Marke deren Kern von Buchhaltern kontinuierlich beschädigt und damit ad absurdum geführt wird.

Robert, jetzt ist es doch länger geworden. Vielleicht schreibe ich ja mal einen Roman über meine ersten 50 Arbeitsjahre.